Ein, zwei, drei und Fallen lassen – gekonnt mit Anforderungen jonglieren

Jonglieren zu lernen ist leicht. Mit der richtigen Anleitung kann man in kurzer Zeit bereits drei Bälle gekonnt in der Luft halten. Wenn mehr Bälle in die Luft fliegen und die Bälle durch Keulen oder laufende Kettensägen ersetzt werden sollen, braucht es schon etwas mehr Übung und vor allem die richtige Technik. Alltagsjongleur:innen sind da schnell überfordert – genau wie mit dem Jonglieren unserer alltäglichen Herausforderungen.

Bild von Theodor Moise auf Pixabay

Wirft man dagegen nur einen einzigen Ball in die Luft, braucht man weder große Übung im Jonglieren, noch Konzentration. Aber man wird auch keine große Aufmerksamkeit für dieses Kunststück erhalten. Es ist einfach langweilig. Genauso wie es Tage ohne jegliche Aufgaben sein können.

Wie jonglieren wir mit den täglichen Herausforderungen? Die to-do-Liste, um das Familienleben zu organisieren, die verschiedenen Termine für das Ehrenamt oder die Aufgaben für das berufliche Projekt? Leicht gerät man da in die Situation, in der die Bälle nicht mehr locker durch die Luft kreisen. Einfach, weil es zu viele sind. Oder die Aufgaben uns zu stark fordern, sozusagen eine laufende Kettensäge sich dazwischen mogelt. Aber wenn nur ab und zu ein Bällchen in die Luft geworfen wird, sind wir auch schnell gelangweilt. Es geht um die Balance, um den „sweet spot“ zwischen zwei Extremen. Ein schönes Beispiel für das Werte-Entwicklungs-Quadrat, das in der Kommunikationsberatung nach Schulz von Thun eingesetzt wird.

eigene Grafik

Das Werte- und Entwicklungsquadrat macht deutlich: Wenn ich von einer „Sache“, einem Wert, einer Situation, einem Verhalten zu viel habe, verliert diese Sache ihre positive Ausprägung. Es geht dann nicht mehr um angenehme Ruhe, sondern um extreme Langeweile. Nicht mehr um angenehme Forderung, sondern um Überforderung.

Was ist zu tun?

Häufig sehen Menschen, die in den Extremen stecken, nur den extremen Gegenpol. Unsere jonglierenden Menschen könnten z.B. sagen:

„Ich soll ruhiger machen? So rumhängen wie die Looser?“ oder

„Ich soll mich mehr engagieren? Und dann mit Herzinfarkt im Krankenhaus landen?“

Dabei übersehen sie eins: es geht nicht darum, in den anderen extremen Pol zu wechseln, sondern sich diagonal zu entwickeln. Man nimmt etwas dazu – nämlich den positiven Gegenpol. Damit balanciert sich das, was man selbst schon „besonders gut“ kann, wieder aus. Es geht also nicht darum, wie die Looser rumzuhängen, sondern ab und zu eine Erholungspause dazuzunehmen. Oder nicht so viel auf die Schultern zu laden, dass der Herzinfarkt droht, sondern ein bisschen in Schwung zu kommen, indem man sich eine bewältigbare Herausforderung sucht.

Tipps für die Situation: „Ich stecke in der Überforderung fest“

Zwei Fragen stehen in dieser Situation im Mittelpunkt:

  • Welche Bälle kann ich abgeben?
  • Welche Bälle kann ich leichter machen?

Der erste Schritt:

Für den ersten Schritt, brauchst Du ein bisschen Ruhe und Zeit. Trage Dir also jetzt eine halbe Stunde in den Kalender ein und lass Dir diese Zeit von keiner anderen Aufgaben wegnehmen. Trage Dir den Termin lieber erst in zwei oder drei Wochen ein, als ihn jetzt irgendwo dazwischen zu quetschen und dann doch fallen zu lassen.

Nimm Dir ein Blatt Papier oder lade Dir die Vorlage herunter. Liste dann alle Aufgaben auf, die Du zu bewältigen hast.

Vergiss auch nicht die kleinen Dinge oder das, was zu Deinen täglichen Standardaufgaben gehört. Markiere dann in der Liste

  • Aufgaben, die Du besonders gerne magst
  • Aufgaben, die wirklich (!) nur Du tun kannst
  • Aufgaben, bei denen es sehr wichtig ist, dass sie erledigt werden
  • Aufgaben, die jetzt bzw. zeitnah erledigt werden müssen
  • Aufgaben, bei denen es sehr auf die Qualität ankommt

Schau Dir jetzt die Liste an. Fallen Dir jetzt schon Aufgaben auf, die Du übernommen hast, die aber gar nicht so wichtig sind? Nicht jetzt gemacht werden müssen? Dir keinen Spaß machen?

Wenn ja, dann kannst Du diese Aufgaben vielleicht schon jetzt streichen.

Der zweite Schritt

Im zweiten Schritt markierst Du

  • Aufgaben, die Dir schwerfallen
  • Aufgaben, bei denen Du dich nicht besonders kompetent fühlst
  • Aufgaben, die schon seit langem bei Dir liegen und da eigentlich nichts (mehr) zu suchen haben
  • Aufgaben, die Zeit haben
  • Aufgaben, die auch mit einer geringeren Qualität noch gut erledigt wären

Der dritte Schritt

Im dritten Schritt überlegst Du nun Deine Optionen:

  • Was muss gar nicht erledigt werden und kann daher gestrichen werden?
  • Was muss nicht jetzt erledigt werden und kann daher auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden?
  • Was kann jemand anders übernehmen?
  • Was kannst Du einfacher machen?

Ein paar Beispiele:

Du verbringst immer noch ein paar Stunden damit eine Excel-Auswertung zu machen, obwohl niemand den Bericht liest? Weg damit.

Die Sitzordnung für die große Familienfeier im nächsten Jahr muss jetzt noch nicht feststehen – auch wenn Deine Schwester Dir das einreden möchte.

Die Verteilung der Prospekte, um für Euren Verein zu werben, kann diesmal auch jemand anders übernehmen.

Für das Schulfest müssen es nicht drei verschiedene Sorten von Cupcakes sein, ein gekaufter Kuchen tut es auch.

Tipps für die Situation: „Ich langweile mich zu Tode“

Hier geht es vorrangig um diese zwei Fragen:

  • Welche Bälle kann ich hinzunehmen?
  • Welche Bälle kann ich durch Keulen ersetzen?

In der Arbeits- und Organisationspsychologie kennt man diese Fragen unter dem Begriff „Job Enlargement“ und „Job Enrichment“. Beide Strategien können auch gut für das eigene Leben, die eigene Arbeit genutzt werden.

Welche Bälle kann ich hinzunehmen?

Bälle stehen hier für „Aufgaben mit der gleichen Schwierigkeit“. Schau Dich in Deiner Arbeit um. Was machen die Kolleg:innen? Welche Aufgaben würden Dich auch interessieren? Schlage vor, dass Ihr Euch gegenseitig in Eure Aufgaben einführen könnt und so auch gegenseitig vertreten könnt.

Du hast bisher für Euren Verein immer die Wochenendfahrt für die Senior:innen organisiert, aber noch nie die Kinderfahrt? Dann schlage vor, es dieses Jahr mal anders zu machen und so vielleicht auf ganz neue Ideen zu kommen.

Welche Bälle kann ich durch Keulen ersetzen?

Notiere Dir Tätigkeiten, die Du gerne machst, die Dir gut und schnell von der Hand gehen. Überlege Dir dann, ob Du sie herausfordernder gestalten kannst. Du bist gut darin, Excel-Tabellen in nette Standard-Diagramme umzuwandeln? Wie wäre es damit, mehr über die Möglichkeiten zu lernen, Daten mit innovativen Tools zu präsentieren und so zu besseren Entscheidungen beizutragen? Du hast bis jetzt gerne beim Schulfest die Tombola organisiert? Dann melde Dich nächstes Mal doch für die Organisation des gesamten Festes.

Vermeide die Extreme!

Bild von Ralf Gervink auf Pixabay

Bei allen Veränderungen: Behalte stets Deine Bälle und Keulen im Blick und passe die Herausforderung an Deine Jonglier-Fähigkeiten und Deine aktuelle Verfassung an. Es macht keinen Sinn, mit fünf Bällen jonglieren zu wollen, wenn Du sie nicht in der Luft halten kannst. Es macht aber auch keinen Sinn, Bälle abzugeben, wenn sie in einer lockeren Runde durch Deine Hände kreisen. An manchen Tagen mag es Dir gelingen, sogar mit fünf Keulen zu jonglieren, an anderen Tagen sind sogar drei Bälle zu viel. Für Deine Energie und Dein Wohlbefinden geht es darum, die Balance zwischen den beiden Polen: „Angenehme Forderung“ und „Angenehme Ruhe und Fokus“ zu halten und immer wieder neu auszutarieren.

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