Ich habe mich getrennt – Gedanken übers Loslassen

Mein Mann und ich spielten an zwei Abenden hintereinander ein Spiel, das schon seit vielen Jahren in unserem Regal steht. Immer mal wieder hatten wir uns vorgenommen, es endlich mal bis zum Profispiel zu schaffen. Doch dann packten wir erneut die Karten und das Geld in den Karton und stellten ihn ins Regal. Dieses Mal nun tricksten wir uns aus: Nach dem ersten Abend bauten wir schon gleich das Profispiel auf. Es fiel damit schwer, noch mal nach Ausreden zu suchen.

Manche Spiele sind parteiisch. So auch dieses. Leider zu meinen Ungunsten. In all den Jahren habe ich es nicht ein einziges Mal gewinnen können. Auch an diesem Abend war es nicht anders. Das stört mich nicht. Aber das Basisspiel bietet für uns zu wenig „Spiel“, das Profispiel dagegen ist zu destruktiv. Meine Laune sank zunehmend. Also wagte ich den Vorschlag: „Davon können wir uns doch auch trennen!“.

Das „auch“ steht für eine Grundhaltung, die ich in den letzten Jahren entwickelt habe: für alles, was neu in die Wohnung kommt, muss etwas den Weg aus der Wohnung finden. Ab und zu arbeite ich schon mal vor, um mir Spontankäufe leisten zu können. Besonders Bücher und Spiele werden inzwischen sehr kritisch betrachtet und finden schnell ihren Weg in die Bücherzelle oder in den Laden der Stadtmission.

Nach und nach bemerkte ich, dass sich diese Grundhaltung auch auf andere Bereiche ausdehnte. Wollte ich unbedingt regelmäßig den Zumba-Kurs in meinem Sportstudio besuchen, musste eine andere Beschäftigung dafür „geopfert“ werden. Wollte ich mich in ein neues Thema einarbeiten, musste ich dafür ein anderes liegen lassen. Das fiel mir noch relativ leicht, denn ich habe gelernt: Der Tag bleibt nun einmal bei dem Angebot, 24 Stunden zur Verfügung zu stellen. Ganz gleich, wie gut man verhandelt.

Bild von xaviandrew auf Pixabay

Aber wie ist das mit Emotionen? Lieb gewordenen Ritualen? Erinnerungen an schöne Zeiten? Oder auch Menschen? Kann man auch die einfach loslassen?

Oscar Wilde soll gesagt haben:

Wir müssen bereit sein,
uns von dem Leben zu lösen,
das wir geplant haben,
damit wir in das Leben finden,
das auf uns wartet.

Ich würde dieses Zitat ergänzen. Es geht nicht nur, uns von dem zu lösen, was wir geplant haben. Wir müssen uns auch von dem lösen können, was wir erlebt und erfahren haben. Nicht von allem. Aber von den Gedanken, Einstellungen oder Verhaltensweisen, die uns jetzt fest halten und uns nicht erlauben dorthin zu gehen, wo das Leben auf uns wartet.

Bild von Marisa Sias auf Pixabay

Loslassen ist wichtig. Loslassen ist in. Bücher über dieses Thema füllen die Regale in den Buchhandlungen, z.B.

  • Lass los, was Deine Seele belastet
  • Lass los, was Dich klein macht
  • Lass los und lebe
  • Lass los – es reicht.

Und natürlich darf auch Elsa mit ihrem Song bei dieser Aufzählung nicht fehlen. (Wobei es mich immer noch irritiert, wenn Kinder dieses Lied mit voller Inbrunst schmettern. Anderes Thema.)

Aber was macht es so schwer, los zu lassen? Warum steht das Spiel seit Jahren bei uns im Regal, obwohl wir es immer wieder mit einem „Na, ja“-Gefühl zurückgestellt haben? Oder anders gefragt: Warum lassen wir Gewohnheiten in unserem Leben, die uns nicht gut tun? Menschen, die uns Energie absaugen? Einstellungen, die uns herunter ziehen? Drei Herausforderungen beim Loslassen sind mir klar geworden, als ich den Vorschlag „wagte“, das Spiel wegzugeben.

Emotionale Verbundenheit

Bild von congerdesign auf Pixabay

Das Spiel war eins der ersten Geschenke meines Mannes. Darf man so etwas weggeben? Ja, man darf. Die Liebe, mit der das Geschenk ausgesucht wurde, bleibt bestehen. Auch wenn das Geschenk nicht mehr existiert. Auch die angeschlagene Tasse, die wir als Souvenir im ersten Urlaub ohne Eltern gekauft hatten, könnte man aus dem Haus bitten. Die Unabhängigkeit bleibt bestehen.

Es hakt dennoch? Dann braucht man eine Brücke. Vielleicht reicht ein Foto, schön gerahmt, um die mit dem Gegenstand verbundene Emotion wach zu halten. Gegenstände los zu lassen, kann relativ schnell gelingen, wenn man es übt.

Was macht man aber zum Beispiel mit den Studienfreunden, mit denen man früher so schön um die Häuser gezogen ist und die jetzt nur noch über Aktienkurse oder die neuesten Steuertricks reden? Die kann man doch nicht einfach loslassen! Doch. Man kann. Wenn man es wirklich will. Auch hier gibt es das ganze Spektrum. Wenn es nur ein Abend im Jahr ist, an dem man sich trifft, reicht vielleicht die alte Verbundenheit, um diesen Abend schön zu gestalten oder ihn zumindest geduldig zu ertragen. Wenn es aber die regelmäßigen Treffen an jedem ersten Samstag im Monat sind, kann es Zeit sein, eine Veränderung anzustoßen. Vielleicht sind ja auch auch die Freunde erleichtert, wenn jemand anregt, überholte Rituale aufzulösen. Ein „Gerne möchte ich weiter mit Euch …“ und eine neue Idee hilft, den Vorschlag abzumildern.

Der Fluch des äußeren Scheins

eigenes Bild

Ich habe das Spiel immer gerne angeschaut. Schöne Kontorhäuser, hübsch illustriert, macht sich gut im Regal. Kein Problem, solange noch genug Platz ist. Wenn er aber knapp wird, dann ist mir die Optik eines Spiels nicht mehr so wichtig. Statt dessen zählen die „inneren Werte“. Macht mir das Spiel immer noch Spaß? Dann darf es bleiben. Sonst trenne ich mich, um neuen Spielen Platz zu machen.

Oder um Platz für neue Gewohnheiten zu schaffen. Der sonntägliche Spaziergang mit Abstecher in dem schicken Café kann ein noch so schönes Ritual sein. Wenn die kreativen Torten aber dazu führen, dass die nächste Kleidergröße angepeilt werden muss, kann man auch diese schöne Gewohnheit auf den Prüfstand stellen und sich trennen. Der Spaziergang darf ja bleiben.

Manchmal entwickeln sich innere und äußere Werte auseinander. Ein Beispiel: Beim Kauf des heiß geliebten Autos vor fünf Jahren hat man sich von der Optik leiten lassen, innere Werte waren nicht so wichtig. Jetzt plagt das schlechte Gewissen bei jedem Tankstellenbesuch. Die Freude über die Schönheit des Autos liegt im Clinch mit dem eigenen Anspruch, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Auf Dauer sind solche Situationen nicht gut für uns, zumindest nicht für unsere Stimmung. Eine Entscheidung hilft: Entweder trenne ich mich von der „Schönheit“ oder ich trenne mich von meinem Anspruch, mich immer klimafreundlich zu verhalten. Beides erfordert Klarheit. Klarheit über die eigenen Werte.

Das prägt mich!

Bild von Dirk Wohlrabe auf Pixabay

Ein Spiel mit dem Thema Hafen. Kann es etwas schöneres geben? Zumindest nicht für eine Norddeutsche, deren halbe Familie eng mit Schiffen verbunden ist. Allein deshalb fiel es mir schwer, mich von dem Spiel zu trennen. Jedes Mal, wenn ich es spielte, bestärkte ich ja einen Teil meiner Identität. So bin ich. Das ist mein wahres Ich. Dass ich mich dann nicht von dem Spiel trennen kann, leuchtet ein. Schließlich will ich ja nicht einen Teil meiner Identität aufgeben.

Nun kann man darüber streiten, wie identitätsstiftend ein Spiel sein kann. Viel spannender ist allerdings die Frage: Gibt es die eine Identität? Mein wahres Ich? Christina Berndt schreibt in ihrem Buch „Individuation„:

„Und dabei haben wir uns unsere Erinnerungen so hingezimmert, wie wir sie heute brauchen, damit wir weiterhin überzeugt sein können: Das bin und war ich. Damit wir uns einreden können: Ich konnte damals nicht anders und kann es auch heute nicht.“

Mich fasziniert diese Fähigkeit unseres Gehirns: Wir können uns immer wieder selbst erschaffen, eine Erzählung finden, die uns zwangsläufig zu der Person machte, die wir heute sind. Übereinstimmend mit unseren Werten, unseren Überzeugungen, unseren Erfahrungen. Christina Brandt fasst es so zusammen: „Er (der Mensch) erfindet sein Ich mehr als dass er es findet. Das Ergebnis ist ein Ich, das sich in das große Puzzlespiel des Lebens eingefügt hat und das sich spätestens dann wieder verändert, wenn es die umgebenden Teilchen tun.“

Vielleicht habe ich schon morgen gleich mehrere Spiele zum Thema Landwirtschaft oder Autorennen im Regal stehen. Werde ich dann mein Ich anpassen und sagen, dass ich mich schon immer dafür interessiert habe? Ein faszinierender Gedanke. Soll ich mich also von meinem Spiel trennen? Was passiert, wenn man sich von den Dingen trennt, von denen man glaubt, dass sie identitätsstiftend sind?

Der Entschluss

Ich habe mich getrennt. Und bin erleichtert. Das schlechte Gefühl „Wir müssten doch mal wieder …“ ist weg. Eine Entscheidung getroffen. Nun ist im Spieleregal Platz für Neues. Neue Erfahrungen, neue Überraschungen. Ich bin gespannt, was ich mir in mein Leben eingeladen habe, indem ich etwas losgelassen habe, das nicht mehr passte.

Übrigens – wenn die Gedanken kreisen und das Loslassen nicht gelingen will, probier doch mal das Duftöl „Lass los“ aus. Ja, auch das gibt es!

Was lässt Du heute los? Ich freue mich über Deine Erfahrungen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.